Häufige Krankheitsbilder

Unsere Pflegestellen versorgen hilfsbedürftige und kranke Stadttauben. Mit Unterstützung zweier vogelkundiger Tierärzt:innen und dem Fachwissen unserer erfahrenen Pfleger:innen können wir ganz unterschiedliche Krankheiten und Verletzungen behandeln. Einige der häufigsten Verletzungen und Krankheitsbilder sind:

Verschnürte Zehen

Sehr häufig werden uns humpelnde oder auf dem Bauch liegende Stadttauben gemeldet. Aufgrund fehlender artgerechter Nahrung sind Stadttauben den ganzen Tag auf ihren Füßen unterwegs, da sie immer auf der Suche nach Essbaren sind. Bei der langwierigen Suche wickeln sich oft Hinterlassenschaften der Menschen, wie z.B. Fäden oder Haare, um die Zehen der Tiere. Diese ziehen sich mit jedem Schritt fester ins Gewebe, so dass tiefe Einschnürungen neben starken Schmerzen oft zum Verlust von Zehen oder dem ganzen Fuß führen. Ein Tierarztbesuch zur Amputation nicht mehr zu erhaltender Zehen, die sonst langsam absterben würden, kann die Schmerzen schnell nehmen. Auf unseren Pflegestellen werden die Füße so lange behandelt bis die Wunden verheilt sind und die Tiere wieder schmerzfrei laufen können.

Füße durch Faden zusammengebunden
Abgestorbener Zeh und Fremdkörper angebunden
Tiefe Einschnürungen durch Faden
Brüche

Flügel- und Beinbrüche sind gut zu behandeln und können auf unseren Pflegestellen meist innerhalb weniger Wochen auskuriert werden. Auf der Straße hingegen besteht die Gefahr, dass ein Bein schief zusammenwächst. Eine Taube mit Flügelbruch ist flugunfähig und damit Menschen, anderen Tieren und Greifvögeln gegenüber hilflos und hat so kaum eine Überlebenschance.

Flügelbruch
Beinbruch

Geschwächte und abgemagerte Jungvögel

Einen großen Teil unserer Patienten machen geschwächte oder zu früh aus dem Nest gefallene Jungvögel aus. Die Kleinen können oft nur schlecht fliegen und haben im Schwarm mit den Großen kaum eine Chance. Man erkennt sie an ihrer noch nicht weißen Nasenwarze, ihrem Fiepsen und an dem langsam ausfallenden gelben Kükenflaum. Vor allem an Plätzen an denen viele Tauben unterwegs sind und bereits die adulten Tiere großen Hunger leiden, verhungern viele Jungvögel. Auch Verletzungen durch das Brüten auf Abwehrmaßnahmen gegen Tauben (Vergrämungen wie Spikes, Klebeschalen etc.) stellen ein Verletzungsrisiko für Jung- und Altvögel dar.

Plusternder, unterernährter Jungvogel
Jungvogel mit hervorstehendem Brustbein
Anflugtrauma

Ein Anflugtrauma ist die Folge einer Kollision z.B. mit einer Fensterscheibe, einem Spiegel oder einem Auto. Es ist nicht so eindeutig festzustellen, wie z.B. eine Fraktur oder verschnürte Füße, da die Symptome zum Teil auch bei anderen Erkrankungen vorkommen können. Die Tiere sind desorientiert, haben oft Gleichgewichtsprobleme, können nicht gerade stehen und nicht mehr fliegen. Sie ziehen sich meist plusternd zurück. Je nach Stärke des Anflugtraumas sind diese Symptome unterschiedlich ausgeprägt. Einige Tiere haben starke Wahrnehmungsstörungen, legen den Kopf schief und reagieren kaum bis gar nicht auf ihre Umgebung. Der Heilungsverlauf variiert je nach Ausprägung stark. Während einige Tauben bereits nach wenigen Tagen wieder fit sind, brauchen andere Wochen bis Monate, um sich zu erholen.

Taube mit Anflugtrauma
Paramyxovirose (PMV)

Die Paramyxovirose (PMV) ist eine Viruserkrankung, deren Erreger über den Schnabel, das Auge oder die Nase aufgenommen werden und ganz unterschiedlich starke Verläufe annehmen kann. Unter Tauben ist das Virus sehr ansteckend, weshalb oft mehrere Tiere eines Schwarms erkranken. Auf Menschen, andere Säugetiere und Vogelarten kann es aber nicht übertragen werden.

PMV kann zu Lähmungen der Beine und der Flügel führen. Zudem treten in einigen Fällen neurologische Störungen auf. Typisch sind z.B. eine schiefe Kopfhaltung, Drehbewegungen, Kopfwerfen, Rückwärtsgehen und in schweren Fällen auch starke Krämpfe. Manchmal sind die Tauben kaum in der Lage Körner aufzupicken oder Wasser aufzunehmen. Diese neurologischen Anfälle treten vor allem dann auf, wenn die Tauben Stress ausgesetzt sind, wie z.B. hellem Licht, Krach oder anderen Tauben.

Während die akute Krankheitsphase nach einigen Wochen überstanden ist und die Überlebenschancen bei richtiger Pflege gut stehen, zeigen viele Tiere lebenslang in Stresssituationen weiterhin neurologische Symptome. Seit 1983 können Tauben jährlich gegen das Virus geimpft werden. 

Tauben mit PMV-Erkrankung sind erfahrungsgemäß lange auf unseren Pflegestellen, weshalb wir uns 2021 dazu entschlossen haben einen zweiten Taubenhof für unsere Tiere mit neurologischen Symptomen zu bauen. Hier zeigen uns die Tiere jeden Tag aufs Neue, dass auch ein Taubenleben mit gelegentlichen neurologischen Aussetzern ein lebenswertes ist.

Purzel in typischer PMV Haltung
Verletzungen durch den Menschen

Leider landen auch immer mehr Tauben in unseren Pflegestellen, die mutwillig durch Menschen verletzt wurden. Oft stecken die Projektile der Luftgewehre mit denen Menschen auf die Tiere schießen noch im Körper. Wenn sie das Tier nicht sofort töten, können sie schmerzhafte Wunden, Entzündungen oder Vergiftungen hervorrufen, die zum langsamen und qualvollen Tod führen. Zu Verletzungen durch den Menschen gehören leider u.a. auch Vergiften, Treten, Überfahren, Erschlagen und das Entsorgen hilfloser Jungvögel im Müll.

Pfeil
Diabolo Projektil
Erschlagen